Kapitel 1: Wenn die Totengräber umherziehen und die Regenbogenautobahn im Meer versinkt

Weltmetropole an der Donau,  31. Oktober 2014

Die Heizung ächzt und die Couch daneben erstrahlt in ihrer Einsamkeit wenig einladend auf mich. Draußen ist es Nacht und die klirrende Kälte bricht herein. Die Emotionen, die ich sonst so in diesen anbrechenden Winternächten liebe, sollen heute einmal die Runde ohne mich, durch die verrauchten Bars dieser Stadt ohne Meer, machen. Halloween macht sich breit. Doch dieses Jahr ist das Gruselkarussell einfach an mir vorbei gedreht. Mein Fahrticket ist wohl nicht mehr gültig, aber irgendwie ist es mir auch egal...


Ja, so sitze ich hier an meinem Schreibtisch. Mein Blick schweift dabei über meine fein säuberlich, nebeneinander geordneten, Geburtstagsgeschenke. Mein Geburtstag liegt schon Monate zurück aber sie schmücken immer noch meinen Schreibtisch. Ich mag sie! Die Geschenke erinnern mich an einen Sommer, der melancholischer nicht hätte sein können. „Ein Mann. Ein Buch“ ist der Titel des Buches, das sie mir geschenkt hat, die Frau, die meinen besten Freund einige Nächte, wie einen x-beliebigen ausgeliehenen Hund an der Leine ausgeführt hat, um ihn dann trotzdem am Ende verlassen und einsam in einem Tierheim, irgendwo außerhalb der Stadt, abzugeben. Sie spielte keine Rolle mehr und doch war sie in Gedanken noch anwesend.

Wenn Welten aufeinanderprallen, die einem Urknall ähneln und ein Universum, mit schmerzhaften Rissen im Herzen kollabiert, dann kann selbst ein Vogelhaus im Winter nur bedingt Schutz bieten. Neben diesem besagten Buch stehen eine Schachtel Schokobananen und einige leicht verstaubte, aber doch irgendwie moderne Retrofotos vor mir. Beim Betrachten rufen sie in mir die Sonne hervor. Ich spür genau jene Sonnenstrahlen, die wir morgens in einem alkoholisch sehr angeknacksten Zustand am Ufer des Donaukanals auf uns wirken gelassen haben.

Es war einer dieser ganz wenigen magischen Momente; jeder für sich und doch so schön verbunden in der Gruppe. Ja es waren noch einige Menschen um mich herum verblieben nach einer langen feuchtfröhlichen und durchzechten Nacht. Das Einzige wirklich wichtige Geburtstagsgeschenk, welches ich mir von Herzen gewünscht hatte, war den Sonnenaufgang mit geliebten Menschen um mich herum bewundern zu dürfen. Ja so wollte ich in mein mittlerweile 28. Lebensjahr hinein starten. Ich durfte es und fühle mich dankbar.

Warum ich mit diesen Erinnerungen an jene nicht so fern zurückliegende Frühsommermonate anfange weiß ich im Moment wohl selbst noch nicht so genau. Aber ich werde sicherlich noch darauf zurückkommen. Vielleicht auch weil es der letzte bewusste Moment seitdem war, wo ich mich wirklich vollkommen glücklich und entspannt, in mir selbst ruhend, gefühlt habe. Vielleicht ist es aber auch nur das verherrlichende trügerische Gefühl, welches man immer nur im Rückblick auf gewisse Momente verspürt. Mein Fluch und Segen zugleich. Manchmal schaltet auch noch das Herz sämtliche kognitiven Bahnen auf Autopilot und macht einfach was es will. Dann gibt es Stau und Chaos, aber manchmal eben auch diese wunderbaren Regenbogenfeuerwerke, für die alleine es sich zu leben lohnt. Diese Momente wo man vor Glück einfach weinen könnte und jener Donnerstagmorgen war einer dieser Momente. Nein ich habe nicht geweint! Aber ich war glücklich.

Zum Abschluss, bevor ich nach Hause schlenderte, drückte sie mir noch einen Brief in die Hand. Der Brief liegt jetzt unter dem selbstgebastelten Papierschiff, das wohl nie ein Meer dieser Welt bereisen wird, vor mir. Sie hatte ihn den ganzen Abend mit sich herumgetragen und auf diesen Moment, kurz bevor wir uns aus der Glückseligkeit verabschieden sollten, gewartet. Etwas nervös aber auch erleichtert, steckte ich den Brief ohne ihn zu öffnen in meinen Rucksack und nahm sie noch einmal fest in den Arm. Sie schaute mich mit ihren süßen blauen Augen an, betonte, dass wir uns ganz bald wiedersehen müssen. Ich war perplex, bejahte dies, drehte mich um und ging der Sonne entgegen Richtung Endstation eines wunderbaren Geburtstages. 

Die seichte, wohlfühlenden, aufgehenden Sonnenstrahlen hatten sich in eine warme, in meinen Augen, leicht brennende, stechende Hitze verwandelt. Ein sehr warmer Maitag kündigte sein kommen an, als ich heimwärts schritt. Trotz allem machte sich in mir ein Gefühl der Zufriedenheit breit, gleichzeitig merkte ich aber auch, wie sich wieder langsam dieses unangenehme Gefühl der Ungewissheit, breit machen würde. Doch ich dachte mir: Noch nicht jetzt, noch nicht jetzt! Dies ist nicht das Ende meiner Geschichte aber auch noch lange nicht der Anfang.

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